Omelett über den Niagarafällen – Charles Blondin

Vor ziemlich genau drei Jahren schauten Tausende von Zuschauern auf den amerikanischen Artisten Nik Wallenda, der die Niagarafälle auf einem 549 Meter langen Seil überquerte. Für den Ernstfall gab es zwar kein Netz, aber eine Absicherung. Die Leute jubelten, als er nach 25 Minuten heil auf der anderen Seite, in Kanada, ankam. Was hätten sie wohl gesagt, wenn sie Charles Blondin gesehen hätten, der 1859 ganz ohne Sicherung – sogar auf Stelzen und mit seinem Manager auf dem Rücken mehrere Wochen lang jeden Tag ein ähnliches Kunststück vollbrachte?

2009cb4555_blondin_carrying_managerWenn man sich die Bilder von Charles Blondin anschaut, wirkt der Artist  Nik Wallenda beim Überqueren der Niagara-Fälle und im anschließenden Interview fast verkrampft und verweichlicht, obwohl er zweifelsohne großen Mut beweisen hat und sein Verdienst hier nicht geschmälert werden soll. Aber Charles Blondin hatte offensichtlich noch weniger Angst – oder mehr Vertrauen in sich und seine Kunst. Man weiß es nicht. Er überquerte nicht nur den Niagara-River, sondern machte dabei auch noch jede Menge Unsinn.  25 000 Menschen schauten gebannt zu, als er in direkter Nähe des reißenden Wasserfalls auf einem 300 Meter langen Hanfseil in 50 Meter Höhe nach Kanada spazierte.

a-blondinDas war ihm aber offensichtlich nicht genug. In den nächsten Tagen und Wochen ließ er sich immer neue Ideen einfallen. Einmal lief er auf Stelzen übers Seil, ein anderes Mal nahm er einen kleinen Herd und einen Stuhl mit, machte es sich in der Mitte des Seils gemütlich und briet sich ein Omelett. Einmal verband er sich die Augen und stiefelte blind hinüber, dann schob er eine Schubkarre mit 350 Pfund Zement über Seil. Der Höhepunkt seiner Aktion war aber zweifelsohne der Huckepack-Marsch.

Blondin rief dem Publikum zu:

„Glaub ihr, dass ich den Niagara überqueren kann?“. Das Publikum jubelte ihm ein „JA“ entgegen.

„Glaubt Ihr, dass ich den Niagara mit einem Mann auf meinem Rücken überqueren kann?“ Wieder schrie das Publikum „JA!“, denn die anderen Stunts waren schließlich auch nicht „ohne“ gewesen.

„Wer von Euch möchte mitmachen?“ fragte Blondin in die Menge. Plötzlich wurde es sehr sehr still. Blondin drehte sich zu seinem Manager, Harry Colcord, um.

„Vetraust Du mir?“, fragte Blondin. Harry Colcord nickte und kurze Zeit später saß er auf dem Rücken seines Artisten – 50 Meter unter ihm der reißende Fluss. Man stelle sich das vor. Der Marsch dauerte gut 20 Minuten. Das ist schon ohne Seil und Niagara Fluss eine ziemliche Leistung. Und wäre einer von beiden aus dem Gleichgewicht gekommen, hätten sie beide kaum überlebt.

Blondin_grave_Kensal_Green_Cemetery AuthorPhilafrenzy

copyright: Philafrenzy

Charles Blondin wurde jedenfalls zum bestbezahlten Artisten seiner Zeit und starb nicht etwa bei einem seiner Kunststücke, sondern als alter Mann zuhause im Bett – an Diabetes. Er wurde auf dem Kensal Green Friedhof begraben. Sein Grab wurde kürzlich restauriert.

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Wer mehr über Charles Blondin erfahren möchte, kann diese Seite besuchen: http://www.blondinmemorialtrust.com/

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