Damit die Welt weiß, dass er mich einmal geliebt hat – Catherine Dickens

Man mischt sich ja nicht in fremder Leute Beziehungen ein, aber was Catherine Dickens Mitte des 19. Jahrhunderts passiert ist, wünscht man niemandem. Sie war die Frau des berühmten Schriftstellers Charles Dickens, der die Geister  der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in seiner Weihnachtsgeschichte beschwor und zu mehr Menschlichkeit aufrief. Und sie war totunglücklich. Vielleicht ist das aber auch nur eine Geschichte, die davon erzählt, wie tragisch es enden kann, wenn man sich einen Partner aussucht, der nicht zu einem passt.  Oder eine Geschichte die besagt, dass zehn Kinder vielleicht doch zu viele sind.

Charles Dickens hatte sich gerade von seiner Freundin Maria Beadnell getrennt, als ihm die Tochter seines Arbeitskollegen beim „Morning Chronicle“ über den Weg lief, Catherine Hogarth, zarte 19 Jahre alt. Ob sie damals ahnte, dass Dickens sich nicht freiwillig von Maria getrennt hatte? Dickens hatte Maria sogar einen Heiratsantrag gemacht, doch ihre Eltern missbilligten die Beziehung und schickten ihre Tochter auf eine Pariser Mädchenschule, um die beiden wieder zu trennen.

Man könnte also meinen, dass Catherine von Beginn an nur die zweite Wahl war. Es ging jedenfalls alles Schlag auf Schlag. Charles und Catherine trafen sich zum ersten Mal 1834, verlobten sich 1835 und heirateten 1836. Ein Jahr später kam ihr erstes Kind zur Welt. Zu diesem Zeitpunkt war noch alles harmonisch. Die beiden reisten sogar gemeinsam durch die Welt, waren in Schottland und in Amerika. Er liebte seine junge Frau, sie war stolz auf ihren berühmten Ehemann. Ein dünnes Band, das schnell reißt, wenn der Alltag einen auf die Probe stellt. Vor allem, weil aus dem einen Kind nach und nach zehn Kinder wurden.

Catherine Dickens kam nicht mehr klar. Sie war total überfordert, vor allem, nachdem ihre Tochter mit nur acht Monaten starb. Heute würde man wohl sagen: Sie hatte Depressionen und Burnout – mit zehn Kindern an der Seite eines berühmten Mannes – ohne Hilfe bei der Erziehung und im Haushalt –  kein Wunder. Catherines Schwester Georgina wollte helfen und zog mit ins Hause Dickens. Sie übernahm den ganzen Haushalt und kümmerte sich mit um die Kinder.

Charles Dickens hatte kein Verständnis für seine erschöpfte Frau. Er machte sie dafür verantwortlich, dass zehn Kinder geboren wurden, die er alle finanziell versorgen muss. Eine seltsame Einstellung, die man vielleicht nur versteht, wenn man im Viktorianischen Zeitalter lebte. Außerdem fiel ihm plötzlich auf, dass seine Frau ihm ja nie intellektuell das Wasser reichen konnte. Wieso man erst zehn Kinder in die Welt setzt, bevor einem sowas auffällt, ist ein weiteres Rätsel vergangener Tage. Wahrscheinlich hatte Catherine außerdem durch die Schwangerschaften und den Stress erheblich an Attraktivität eingebüßt. Aber das ist jetzt nur eine Vermutung.

Charles Dickens hatte jedenfalls keine Lust mehr auf Catherine, die Mutter seiner zehn Kinder. Er versuchte noch einmal kurz bei seiner Exfreundin Maria zu landen, die war aber inzwischen ebenfalls verheiratet und wollte nicht. Also schaute er sich weiter um und fand 1857 Ellen Ternan, ein 18jähriges Mädchen. Sie, ihre Mutter und ihre Schwester spielten beim Wohltätigkeits-Auftritt von  „The Frozen Deep“ mit, den der inzwischen 45 Jahre alte Dickens sponserte. Nachdem er Ellen Ternan getroffen hatte, war sich Dickens sicher, dass Catherine und er nicht für einander geschaffen sind. Er zog in ein eigenes Schlafzimmer. Als dann aus Versehen ein Armband, das Dickens für Ellen gekauft hatte, an Catherine geliefert wurde, kam die Affäre ans Licht.

Charles Dickens machte Nägel mit Köpfen. Eine Scheidung kam für einen Mann seines Standes im viktorianischen England nicht in Frage, also wurde die Ehefrau „aus dem Haus entfernt“. Catherine zog mit ihrem Sohn Charles Culliford in ein Haus am Gloucester Place in Brighton. Charles Dickens zog mit den übrigen Kindern zurück nach Tavistock House, wo sich seine Schwägerin Georgina weiterhin um die Dienerschaft und den Haushalt kümmerte. Die Schauspielerin Ellen Ternan blieb seine heimliche Geliebte. In der Öffentlichkeit stritt er die Verbindung ab und nannte sie eine „platonische Freundschaft“.

Und was wurde aus Catherine? Plötzlich war sie nicht mehr die Frau an Dickens Seite und auch ihre Kinder hatte sie nicht mehr um sich. Es war den Kindern zwar nicht verboten, ihre Mutter zu besuchen, aber es hielt sie auch niemand dazu an. Catherine lebte noch 20 Jahre als verheiratete Frau alleine in ihrem Haus und erholte sich niemals vom Zusammenbruch ihrer Ehe. Kurz vor ihrem Tod gab sie ihrer Tochter Kate ein Bündel mit Briefen, die ihr Charles Dickens einst geschrieben hatte. Dabei sagte sie:

Give these to the British Museum, that the world may know he loved me once.

Catherine Dickens wurde 1879 auf dem Highgate Friedhof begraben. Mit ihr im Grab liegt ihre Tochter, die 1851 mit 8 Monaten gestorben war.

Wer sich für die Geschichte von Catherine Dickens interessiert und mehr über sie erfahren möchte, kann dieses Buch hier lesen.

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„Mrs. Charles Dickens“ was also a daughter, sister, and friend, a loving mother and grandmother, a capable household manager, and an intelligent person whose company was valued and sought by a wide circle of women and men. …  Drawing on little-known, unpublished material and forcing Catherine’s husband from center stage, The Other Dickens revolutionizes our perception of the Dickens family dynamic, illuminates the legal and emotional ambiguities of Catherine’s position as a „single“ wife, and deepens our understanding of what it meant to be a woman in the Victorian age.

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